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Wer gendert – und wenn ja, wie viele? Ein Kommentar

Inklusion in Schulen ist seit Jahren ein aktuelles Thema, bei dem es darum geht, auch Menschen mit Behinderung die Teilnahme am Alltag zu ermöglichen. Inklusion der Sprache ist daher eine logische Konsequenz, um alle Mitglieder der Gesellschaft anzusprechen.

Doch wie weit ist dieses Spiel zu treiben und welche Anpassungen der Sprache sind praktikabel? Ich denke, es ist für jeden nachvollziehbar, dass Berufsbezeichnungen mit generischem Maskulin heutzutage ohne Probleme gegendert werden können, beispielsweise Ärzte oder Krankenpfleger und –pflegerinnen statt Krankenschwester. Doch streng genommen ist das noch kein vollständiges Gendern, da es dem traditionellen binären Geschlechterbild treu bleibt und nur die beiden Enden des Geschlechterspektrums bedient.

Es gibt bereits Formen der Wortbildung, die als geschlechtsneutraler Ersatz für das unvollständige Gendern vorgeschlagen werden. Das geschieht meist durch Verzicht auf das generische Maskulin. Dass das Ergebnis bei drei bestimmten Artikeln nicht unbedingt zufriedenstellend ist möchte ich am folgenden Beispiel veranschaulichen:

Der eigentlich geschlechtslose Student wurde um die weibliche Form Studentin ergänzt, der Plural die Studenten erhielt eine weibliche Pluralform „die Studentinnen“. Das war einigen Sprachnutzern nicht ausreichend, weshalb der Begriff Studierende eingeführt wurde – sprachlich eigentlich falsch, da die Ableitung aus dem Partizip Präsens eine im Moment befindliche Handlung beschreibt und eine Studierende im Alltag nicht plötzlich zur Herumlungernden wird. Darüber hinaus bieten Wörter, die aus anderen Sprachen entliehen sind, die Möglichkeit zur Bedeutungsinterpretation. Der Student – also eine sich bemühende Person, wenn man nach der lateinischen Bedeutung geht – bietet mit dem Plural die Studenten eigentlich genug Freiraum zur Interpretation. Fünf Studenten können auch fünf weibliche Studenten sein. Oder zwei männliche und ein butch* Student und zwei genderqueere Studenten. (*butch, aus dem englischen, beschreibt eine homosexuelle oder queere Person, die betont maskulin auftritt.)

Wenn man Sexus und Genus eines Wortes in einen Topf wirft, ergibt sich die Problematik, dass man bei der Suche nach einem neutralen Wort ebenfalls darauf achten muss. Sein generischer Gebrauch muss auch für gemischte Gruppen praktikabel sein. Wenn das Wort „Lehrer“ aufgrund des männlichen Sexus nicht mehr von allen als allumfassend für ‚Lehrer‘ verstanden wird, dann ist eine „Lehrkraft“ aufgrund des weiblichen Sexus von „die Kraft“ eigentlich ebenfalls nicht geeignet, als geschlechtsneutraler Ersatz aufzutreten.

Weitere Lösungsversuche sind das Binnen-I, der Genderstern oder –doppelpunkt, die allerdings sprachliche Irritationen hervorrufen können. Da die Bedeutung eines Wortes von den Nutzern verändert werden kann, ist eine geschlechtsneutrale Form auch nur eine geschlechtsneutrale Form, solange die Menschen diese auch als solche verwenden. Für mich sind diese Lösungen eine verstümmelte weibliche Form, die den Lesefluss stören und die aufgrund der unnatürlichen Entwicklung dieser Wortform einen inneren Widerstand in mir hervorrufen. Diese Lösungen erscheinen mir am wenigsten elegant.

Andere Wortneuschöpfungen sind dabei treffender. Wenn ein Lehrer Teil eines Lehrerkollegiums sind, dann kann aufgrund des neutralen Grundwortes Kollegium auch der geschlechtsneutrale Artikel „das“ seine Vorteile ausspielen. Es darf sich jedes Gender angesprochen fühlen.

Wer die Inklusion des gesamten Genderspektrums anstrebt, könnte sich auch ergänzend das Sprechen in Spektren angewöhnen. Statt „sehr geehrte Damen und Herren“ könnte man auch „sehr geehrte Damen bis Herren“ verwenden; analog „sehr geehrte Bürger bis Bürgerinnen“.

Eines ist für mich jedenfalls klar. Wer eine gesamtgesellschaftliche Sprachveränderung erreichen will, darf diese nicht von oben diktieren. Sprache lebt und praktikable Lösungen werden ihren Weg in den Sprachgebrauch finden. Es trägt aber auch jeder Einzelne die Verantwortung, sich als Teil des Ganzen zu verstehen. Jemand, der oder die sich nicht angesprochen fühlen wollen, werden nie zufrieden sein. An dieser Stelle endet dann allerdings mein Verständnis. Denn trotz aller Individualität der verschiedensten Lebensentwürfe müssen wir in einer Gesellschaft gemeinsame Nenner finden und das bedeutet eben auch viele Kompromisse.

Philipp Röll

PS: Mich interessiert eure Meinung dazu. Welche Art des Genderns findet Ihr in Ordnung oder was lehnt Ihr ab?

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